Wir sind mehr

Wir sind mehr als die Summe unserer Teile, dem würde wohl kaum jemand widersprechen.

Ich brauche keine Definition und auch keine eigenen Pronomen, aber ich respektiere jeden, der dies möchte und werde es auch so nutzen, ich frage mich nur ob es nicht eher die Gesellschaft mit ihren Normen ist, die uns das Gefühl gibt, nicht normal zu sein und deshalb eine andere Identität suchen zu müssen.

Ich bin eben nicht typisch Frau obwohl ich es biologisch bin, aber ich bin auch nicht wie ein Mann. Laut Definition wäre ich non-binär, aber ich definiere mich selbst lieber als Mensch. Wer über mich spricht sollte vielleicht einfach meinen Namen verwenden, als sich über Pronomen Gedanken zu machen.

Wie kommt man eigentlich drauf, nicht dem eigenen Geschlecht zu entsprechen? Liegt es nicht an den Vorgaben?
Mädchen sollen mit Puppen spielen und dürfen Kleider tragen und Jungen sollen das nicht. Jungs sollen nicht weinen. Ich gebe es zu, würde ein Mann vor mir weinend zusammen brechen wäre ich perplex, weil ich sowas noch nie gesehen habe, aber auch weil ich nicht gut mit Emotionen umgehen kann.

Eine Kollegin saß mal weinend an ihrem Platz im Büro. Ich hätte ihr gerne geholfen, wusste aber nicht was man in so einer Situation machen soll. Ich hab eine andere Kollegin informiert, sie hat sich um sie gekümmert. Sie wusste eben wie das geht.

Ich bin aber nicht völlig emotionslos. Ich bezeichne mich selbst als Soziopath, auch wenn nicht alle Punkte dieser Störung auf mich zu treffen ist es wohl die passendste Art meinen Charakter zu beschreiben.

Ich habe soziale Bindungen, übernehme Verantwortung und führe eine langjährige Beziehung. Aber mir ist eine klare Ablehnung sämtlicher sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen eigen. Ich halte mich an Gesetze, aber nicht an das, was sich gehört und man von mir erwartet. Ich sprenge gerne die Erwartung anderer. Ich kenne keine Schuldgefühle. Erstens weil ich ja bisher niemanden was böses getan habe und alles was ich getan habe was andere falsch finden, hab ich aus voller Überzeugung getan. Deshalb muss ich auch keine Schuld empfinden.

Ich wünsche mir manchmal den Tod von jemandem. Sollte dies eintreten (was schon vorkam), dann fühle ich keine Schuld, warum auch, war ja trotzdem nicht meine Schuld und einen schlechten Menschen, womöglich einen Verbrecher nach seinem Tod nichts schlechtes mehr nachzusagen, weil man sowas nicht macht, das habe ich nie verstanden.

Ich glaube, dass was „normal“ ist, ist eine Illusion, die von der Gesellschaft aufrecht erhalten wird obwohl sie selbst dieser Norm gar nicht entspricht. Warum machen wir das? Sind wir nicht mehr als das. Wollen wir uns nicht weiterentwickeln. Zu behaupten die Abweichler wären eine Minderheit ist töricht. Die Natur zeigt deutlich, dass es bei Bevölkerungsüberschuss völlig normal ist, dass auch Tiere (z.B. Affen) gleichgeschlechtliche sexuelle Verbindungen eingehen um sich noch weiter fortzupflanzen. Für die Menschheit besteht schon lange kein Bedarf mehr sich exponentiell fortzupflanzen. Im Gegenteil, es täte uns gut wenn die junge Generation zu 50% auf Kinder verzichtet. Nur die Politik und Wirtschaft erzählt uns dass wir Nachwuchs brauchen weil sonst das System zusammen bricht. Wer ein System auf ständigem Wachstum aufbaut ist zum Scheitern verurteilt.

Ich mag in einer Heterobeziehung sein, aber ich hätte auch nichts gegen eine Beziehung zu einer Frau. Es zählt nur der Charakter für mich, nicht die Geschlechtsteile oder die XY Chromosomen. Ich habe nie einen Kinderwunsch gehabt, mir nur erzählen lassen, das würde noch kommen, was darin endete, dass ich mal schwanger wurde und erkannte, dass ich das nie wollte. Also hab ich die Schwangerschaft beendet und hatte nie Zweifel, keine Schuldgefühle. Das redet man den Frauen gerne ein, dass man Schuldgefühle bekäme. Wer seine Entscheidungen überlegt trifft, wird nichts im Leben bereuen.

Ich habe so viele Entscheidungen getroffen, die auf den ersten Blick falsch wirkten, aber letztens Endes richtig waren. Warum sollte ich mich heute zum Beispiel ärgern, dass ich nicht Matura gemacht und studiert habe? Ich liebe meinen aktuellen Job, meinen Mann und mein Leben und ich hätte nichts davon, wenn ich damals anders gehandelt hätte.

Damals dachte ich mit mir stimmt was nicht, war depressiv, weil ich nicht richtig funktioniert habe. Aber es lag nie an mir, nur an den Normen. Ich bin mehr als aufgezwungene Geschlechts- und Gesellschaftsnormen.

Die Norm ist eine Illusion. Und weil das so ist, ist auch die Heteronormativität eine Illusion. Heterosexuelle Anziehung dient nur der Fortpflanzung, der Arterhaltung. Darüber hinaus sind wir alle Teil des Regenbogens.

Ich bin keine Frau die auf Männer steht. Ich bin ein Mensch, der auf Menschen steht. Und das sollten wir alle sein, denn das ist wirklich normal.

Liebe ist Liebe, Geschlechter sind Nebensache. Lebt, liebt, habt Spaß.

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